„Kassandra“ nach dem Roman von Christa Wolf drama
17 - 2 JÄN - FEB 2018

„Kassandra“ nach dem Roman von Christa Wolf

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Eine Produktion des KosmosTheaters (Siebensterngasse 42, 1070 Wien)

 

Mi, 17.1. - Fr, 2.2. | Mi-Sa (außer Sa, 3.2.) | 20:00 Uhr

 

 Regie: Julia Nina Kneussel | Bühnenfassung: Julia Nina Kneussel, Martina Theissl

Dramaturgie: Martina Theissl | Video: Mihaela Kavdanska, Dilmana Yordanova, Cristian Iordache / KOTKI visuals

Musik: Stefanie Neuhuber | Ausstattung: Gudrun Lenk-Wane | Regieassistenz: Olivia Poppe | Regiehospitanz: Avelina Goetz

 

Mit: Julia Schranz

 

Kassandra: Seherin, Verfluchte, Sklavin.
Zehn Jahre trojanischer Krieg – Troja ist verbrannte Erde. Kassandra, „Whistleblowerin“ der griechischen Mythologie, soll heute Nacht noch ermordet werden. Die Tochter des Königs hat den Untergang Trojas vorausgesagt, vor dem trojanischen Pferd gewarnt, doch sie blieb ungehört.

 

„Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg.

Falls es da Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingraben, überliefern. Was stünde da. Da stünde, unter andern Sätzen: Lasst euch nicht von den Eignen täuschen.“

(Christa Wolf, „Kassandra“)

 

Christa Wolfs berühmte Anti-Kriegserzählung hat 35 Jahre später an Aktualität nichts verloren. An mehreren Fronten gleichzeitig kämpft die tragische Heldin Kassandra innerhalb eines von Männern dominierten Staates nicht zuletzt für Autonomie. Unter Julia Nina Kneussels Regie verkörpern Julia Schranz und ihr digitales Gegenüber den schonungslosen Nachruf auf ein untergegangenes System – in einer neuen, eigens für die Bühne adaptierten Fassung.

 

 

Informationen zum Eintritt finden Sie hier: http://kosmostheater.at/cgi-bin/kosmos/event/event.pl?id=332

 

 

  

Zur Inszenierung

Eine Echtzeit-Multimedia-Performance für eine Schauspielerin

 

Troja ist verbrannte Erde, die Seherin Kassandra die Kriegsbeute des Königs Agamemnon. Im Angesicht ihrer drohenden Hinrichtung konfrontiert sich Kassandra noch einmal mit Rückblicken auf ihr Leben, den Krieg um Troja und den Ereignissen, die diesen Krieg auslösten. Kassandra kämpft mit der in ihr tobenden Stimme der Wahrheit. Es ist ein gefährlicher Emanzipationsprozess von einem System, das ihr verbietet, die Wahrheit über den drohenden Krieg um Troja laut zu verkünden.

 

Christa Wolf rollt in ihrer Erzählung „Kassandra die Ereignisse des trojanischen Krieges und dessen Vorboten aus der Sicht der griechischen mythologischen Gestalt Kassandra auf. In der Bühnenadaption für das KosmosTheater beziehen sich Julia Nina Kneussel und Martina Theissl auf drohende und bereits herrschende Kriege in der Gegenwart. In ihrer Inszenierung bewegt sich  Kassandra in einer interaktiven Echtzeit-Videoinstallation der Künstlerin Mihaela Kavdanska (KOTKI visuals). Ihr Monolog wird zum Gespräch mit Vielen, die Performance zur Live-Interaktion im Hier und Jetzt.

 

Nach dem durchschlagenden Publikumserfolg „Medea. Stimmen 2016, bringen Regisseurin Julia Nina Kneussel und Dramaturgin Martina Theissl mit „Kassandra ihre zweite Christa-Wolf-Bearbeitung im KosmosTheater auf die Bühne.

 

 

Christa Wolfs „Kassandra“

Kassandra: Königstochter, Seherin, Verkünderin von Trojas Untergang

 

„Kassandra“ ist die Erzählung vom Untergang einer Stadt und eines Gesellschaftssystems. Sie zeigt Troja in all seiner Herrlichkeit, aber es ist dem Untergang geweiht. Alle Zeichen stehen auf Krieg, die Vorboten dafür lassen sich nicht länger ignorieren.

 

„Kassandra“ ist eine Erzählung über eine Frau, die vom herrschenden System missbraucht wird. Sie erlebt, wie Frauen aus allen politisch relevanten Entscheidungen hinausgedrängt werden und patriarchale Machthabende in den Krieg drängen.

 

„Kassandra“ ist auch die Erzählung eines Emanzipationsprozesses. Nach und nach beginnt Kassandra das System, in das sie hineingeboren wurde, zu durchschauen. Als sie letztendlich bereit ist, sich davon loszusagen, ihre Untätigkeit zu brechen und Widerstand zu leisten, ist es bereits zu spät. Kassandra ist dem Tod geweiht.

 

„Der nahe Tod mobilisiert noch mal das ganze Leben. Zehn Jahre Krieg. Sie waren lang genug, die Frage, wie der Krieg entstand, vollkommen zu vergessen. Mitten im Krieg denkt man nur, wie er enden wird. Und schiebt das Leben auf. Wenn viele das tun, entsteht in uns der leere Raum, in den der Krieg hineinströmt.“

(Christa Wolf, „Kassandra“)

 

Christa Wolf verfasst „Kassandra“ 1983 und verknüpft darin zeitgeschichtliche Beobachtungen der Strukturen in der DDR mit einem antiken Mythos. Entstanden vor fast 35 Jahren, hat die Erzählung auch in der Gegenwart hohe politische Brisanz. Mit der Monologstruktur schafft es Christa Wolf, aus einer inneren Perspektive das Bild einer Vorkriegs- und Kriegsgesellschaft nachzuzeichnen. „Kassandra“ ist eines der wichtigsten Werke der deutschen Ausnahmeschriftstellerin.

 

 

„Kassandra, die Seherin mit verschlossenem Mund

oder Chelsea Manning und Edward Snowden lassen grüßen“

 

Lange versucht Kassandra die in ihr tobende Stimme der Wahrheit zu unterdrücken. Sie bleibt bei ihrer verklärten Sicht auf Troja mit dem klaren Feindbild der „grausamen Griechen“ - bis hin zur Selbstverleugnung. Sie lebt im und vom System als Vorzeige-Seherin, doch als der verschlossene Mund sich löst, wird sie eingesperrt.

 

„Die Sehergabe. Das war sie. Ein heißer Schreck. Ich hatte sie mir erträumt. Mir glauben – nicht mir glauben – man würde sehn. Unmöglich war es doch, dass Menschen auf die Dauer einer, die ihr Recht beweist, nicht Glauben schenken sollten.“

(Christa Wolf, „Kassandra“)

 

 

 Biografien

 

  

Mihaela Kavdanska/ KOTKI visuals | Video

geboren in Bulgarien, Master an der National University of Arts in Bukarest (2001), seit 2012 Studium der Interface Cultures an der Kunstuniversität in Linz. Lebt und arbeitet in Linz (AUT) und Bukarest (RO). Interaktive Medienkünstlerin und Kulturmanagerin, kuratiert Ausstellungen und Festivals und ist in verschiedenen Forschungsprojekten tätig. Ausstellungen und Performances in Galerien, Museen und Festivals in ganz Europa, USA und Asien, u. a. Ars Electronica Festival (2013 und 2014), Linz; VIENNAFAIR (2014).

Auswahl an digitaler und interaktiver Medienkunst auf der Bühne: „Hamlet“, National Theatre Timisoara & Odeon Theatre Bucharest (RO), „Reveria“, die Wiedereröffnungsshow des National Circus Bucharest (RO); „Awaken”, „Inner Dust” & „10, Re-imagined” zusammen mit Inlet Dance Theatre, Cleveland (USA); „Error 404. Territories of Absence”, National Museum for Contemporary Art, Bucharest; „Spaces Alive”, Tanzhafen Festival, Linz (2017).

 

KOTKI visuals

2006 gründet sie gemeinsam mit der bulgarischen Medienkünstlerin Dilmana Yordanova KOTKI visuals in Bukarest (Art & Technology Studio). KOTKI visuals schaffen Live-Erfahrungsräume und interaktive Plattformen auf dem Gebiet der Multimedia- und interaktiven Ton- und Videokunst, Installation, Visuals für Musik, Architektur-Videoprojektionen und holographische Installationen.

www.kotkivisuals.com / www.kavdanska.eu

 

 Julia Nina Kneussel | Regie

geboren in Wien, Schauspielstudium am Gustav Mahler Konservatorium in Wien. Engagements u.a. am Theater in der Josefstadt, Burgtheater, Dschungel, Theater des Lachens Berlin, Theaterhaus Stuttgart, TAG und dietheater Künstlerhaus. Sie arbeitete außerdem als Radiomoderatorin und Regieassistentin. 2008 gab Julia Kneussel ihr Regiedebut, ihre Inszenierung von Katharina Tiwalds „Die Kümmerinnen“ gewann 2013 beim Nachwuchswettbewerb im Theater Drachengasse den Publikumspreis. Es folgten weitere Inszenierungen am Theater Drachengasse und die Gründung des Vereins „leuchtkraft“. 2011 spielte sie am KosmosTheater in „Das kleine Zimmer am Ende der Treppe“ (R: Barbara Klein), zuletzt am KosmosTheater 2017 mit „Medea. Stimmen“ nach einem Roman von Christa Wolf (Regie und Textfassung). Julia Nina Kneussel lebt und arbeitet als freischaffende Regisseurin und Dozentin in Wien.

www.leuchtkraft-theater-produktionen.com

 

 Gudrun Lenk-Wane| Ausstattung

entwarf für mehr als 40 Theater-, Tanz- und Performanceproduktionen Bühnen- und Kostümbilder und realisiert eigene Performances. Ihre Skulpturen, Bilder, Installationen und textilen Kunstinstallationen im öffentlichen Raum,wie „cars (in towns)“, „smART my city“ oder „Transit“ sind regelmäßig in Ausstellungen zu sehen. An der Schnittstelle zwischen künstlerischer Praxis und sozialem Raum, realisiert sie Projekte mit Erwachsenen und Kindern im öffentlichen Raum und leitet Kunst- und Theaterworkshops. Sie gründete gemeinsam mit Wiebke Werner die mercedestempo - female art union und ist Mitglied der Gesellschaft für bildende KünstlerInnen/ Künstlerhaus.

www.gudrunlenkwane.at

 

 

Steffi Neuhuber | Musik

1985 in Ebensee, Oberösterreich geboren, lebt und arbeitet in Wien. Neben ihren Soloprogrammen gehört sie verschiedenen Kollektiven an, mit Konzentration auf experimentelle und interdisziplinäre Arbeiten.

Neben dem Ensemble „Plenum“ ist sie Teil des Duos „Black Biuti“ (gemeinsam mit Katrin Hauk) und des Wien-basierten Vereins „SNIM“. 2012 längerer Aufenthalt in Chicago, gemeinsam mit Natalie Chami und Brian Griffith gründet sie das Kollektiv „Screaming Claws“, welches im Experimental/Ambient/Noise-Bereich angesiedelt ist und seinen Schwerpunkt auf die internationale Vernetzung von MusikerInnen legt. Auch bei „OutSight“ handelt es sich um ein Kollektiv, das die Vernetzung von Frauen, momentan verstärkt aus Osteuropa, fördert. Wichtige Bestandteile von „OutSight“ sind außerdem Kunstvermittlung sowie eine Auseinandersetzung mit Social Media und Projektions-, Video- und Soundarbeiten. Mit dem Bildhauer Daniel Baron findet Steffi Neuhuber eine Schnittstelle von Bildender Kunst und experimenteller Musik. Zuletzt am KosmosTheater 2017 in „Good Morning, Boys and Girls“ von Juli Zeh (R: Barbara Klein).

http://neuhuber.klingt.org/

 

 Olivia Poppe | Regieassistenz

ist Künstlerin und Vermittlerin in den Bereichen Musik- und Sprechtheater. Bis zum Erwerb ihres Bachelors mit Auszeichnung in Gesangspädagogik, war sie Teil verschiedenster Projekte, u. a. kooperierte sie mit dem Stadttheater Osnabrück, Terre des Hommes und dem Chorverband NRW. Dezember 2014 zog sie nach Klagenfurt am Wörthersee und wirkte bei der Regisseurin Lore Stefanek als Regiehospitantin, als musikalische Assistentin und Schauspielerin an der Produktion „Geschichten aus dem Wiener Wald“ mit. Seit 2016 Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft und als Theaterpädagogin beim Jungen Volkstheater eingebunden. Zuletzt am KosmosTheater 2017 als Regieassistenz des Jungen Salon bei „Saubere Mädchen – dreckige Schlampen“.

 

 Julia Schranz | Schauspiel

geboren in Wien, studierte sie Schauspiel am Lee Strasberg Theatre Institute in New York City und am Konservatorium der Stadt Wien, wo sie 2003 mit Diplom abschloss. Danach spielte sie u.a. das Gretchen in „Mein Kampf“ von George Tabori (Gewinner Nestroypreis: Beste Off-Produktion 2003) und in mehreren Produktionen von Astrid Griesbach mit dem Theater des Lachens Berlin. Von 2007 bis 2011 war sie Ensemblemitglied am Landestheater Niederösterreich. Sie wirkte bei zahlreichen Film- und Fernsehprojekten mit und war in mehreren Inszenierungen am Theater in der Gumpendorfer Straße zu sehen, u.a. in „Der diskrete Charme der smarten Menschen“ (Nestroypreis 2014) und in „Die Inseln des Dr. Moreau“. Außerdem verschiedene Arbeiten in der freien Wiener Szene, zuletzt spielte sie in „Familie Tót“, einer Produktion des MAA Kulturvereins unter der Regie von Imre Lichtenberger Bozoki und in „K´s Frauen“, einer Produktion des Vereins Tempora unter der Regie von Veronika Glatzner. Julia Schranz ist Mitbegründerin des Theatervereins Aggregat Valudskis. Zuletzt am KosmosTheater 2016 in „Eine Stille für Frau Schirakesch“ (R: Dora Schneider). Derzeit lebt sie als freie Schauspielerin in Wien.

 

 Martina Theissl | Bühnenfassung, Dramaturgie

geboren in Wien, Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaften sowie Anglistik und Amerikanistik an der Universität Wien. Stationen ihrer dramaturgischen Anfänge waren u.a. das Theater in der Josefstadt, das Landestheater Niederösterreich und der Retzhofer Dramapreis. Seit 2013 ist sie bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf, Intendanz: Michael Sturminger, u.a. in der Dramaturgie tätig. Für die Sommerspiele übersetzte sie 2016 William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ gemeinsam mit Angelika Messner neu. Bei der Produktion „Just Call Me God“ (Regie: Michael Sturminger) mit John Malkovich arbeitete sie als Dramaturgische Assistenz in der Elbphilharmonie Hamburg. Zuletzt am KosmosTheater 2017 mit „Medea. Stimmen“ nach einem Roman von Christa Wolf.

 

 Christa Wolf

geboren 1929 in Landsberg/Warthe (Gorzów Wielkopolski), gestorben am 1. Dezember 2011 in Berlin. Studium der Germanistik in Jena und Leipzig, lebte bis zu ihrem Tod als freie Schriftstellerin in Berlin. Christa Wolf gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerpersönlichkeiten der DDR, ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Georg-Büchner-Preis, dem Thomas Mann Preis und dem Uwe-Johnson-Preis.

  

Foto: Bettina Frenzel